Der Freitagabend vor der Seereise:
„Tipp: Jetzt wo ihr Reisepass und ETA beantragt habt, auch noch dran denken, den Pass auch einzupacken ☝🏻“
Reaktionen: 💡💡👍👍🙏🏻
Ich würde sagen: Treffer versenkt. Schmunzelnd fische ich meinen niegelnagelneuen Reisepass aus den tiefen eines Möbelstücks in unserer Wohnung in Lübeck. So oder so ähnlich ging es am Vorabend in der Whatsapp-Gruppe unserer Crew einher. Es werden Fotos von den neuen Crew-Polos und geplanten Ankunftsuhrzeiten in Den Haag Centraal geteilt und die erste Dock Off Uhrzeit preisgegeben. Urlaubsreise? Nein, nein! Wir wollen das Vuurschepen Race mitfahren. Und hier gibt es nun den Seereisenbericht - viel Spaß beim Lesen!
Ich wache auf und blinzle etwas verwirrt, stelle fest, dass es noch stockdunkel ist und bin erstmal erleichtert - es ist noch mitten in der Nacht. Zur Sicherheit schaue ich aber doch auf die Uhr und stelle fest: Wir schreiben Sonntag den 10. Mai 2026, es ist 7:52 Uhr bei geschlossenen Rolläden. In 8 Minuten bin ich mit Anja am Frühstückstisch verabredet, um 9 Uhr holt Fritz uns in Aachen ab und es geht nach Scheveningen. Um 12:05 Uhr wird abgelegt. Also nicht bummeln und schnell die Reste zusammenpacken. Fritz steht pünktlich vor der Tür und los geht‘s. Um circa 12:15 Uhr erreichen wir Scheveningen, wir werden von einer in Ölzeug gekleideten Crew in Empfang genommen. Dankenswerterweise haben sie nicht ohne uns abgelegt. Ich stehe, in Folge frühsommerlicher Aachen Temperaturen, noch in T-Shirt im Cockpit der AG4 und stelle das erste Mal fest: Irgendwie ist das hier kälter als im Mittelmeer. Ich verschiebe meinen Standort ins Vorschiff zu meiner Duffle und fange an zu Knobeln welche Kleidung wohl sinnig ist. Ich interviewe meine Mitseglerinnen und Mitsegler und auf die Frage „Was hast du unter der Ölhose an?“ erhalte ich nur die Antwort: „Eine Unterhose“. Okay das ist irgendwie das Mindeste was ich erwartet habe und mindestens genauso unhilfreich. Ich gehe einen Mittelweg: Dünne Thermokleidung und Ölzeug, so schlimm wird es schon nicht sein. Leinen los, durch die Funke genuschelt, dass wir raus wollen, Kiel runter und schon sind wir um die Ecke gebogen Richtung Hafenausfahrt. WTF - wer kocht denn da die Nordsee?Das Wasser brodelt und wir entscheiden uns das Groß im Hafenvorbecken bei halber Welle und im 2. Reff zu setzen. Gesagt - Getan. Mit Ehrenrunde, weil das 2. Reff von der ID noch falsch eingebunden war. Dann also mal wirklich raus, wir wollen ja noch trainieren. Es dauert circa 30 Sekunden bis alles an einem Nass ist. Ja, stimmt das ist ja die Nordsee hier. Relativ schnell ist klar, wir wollen Crew und Boot schonen. Das Segel geht wieder runter, Kiel hoch, Fender und Leinen raus und ab in die Box. Statt zu trainieren entscheiden wir uns für einen Tag Daydrinking mit Aperol Spritz und wechselhaftem Sturmwetter aus Hafenperspektive. Auf den aus heimischen Regionen eintreffenden Screenshot unserer heutigen Route mit der Frage was wir denn da gemacht haben stoßen wir an. Wir wollen ja möglichst leichtgewichtet Regatta segeln. Die „Irgendwie-müssen-wir-ja-noch-trainieren-Krisenbesprechung“ ergibt ein geplantes DockOff am Montag um 08:30 Uhr.
Das Zeitfenster zwischen zwei Tiefdruckgebieten bis 12:00 Uhr wollen wir nutzen, um wenigstens einmal ein buntes Tuch zu setzen. Erik steuert uns durch die ein oder andere Wende und am Ende der Kreuz stellt sich nur eine Frage: „Auf welcher Seite anbauen??“. Gemeint ist natürlich die Seite, auf der wir den Spinnaker setzen, den wir alle schon sehnsüchtig erwarten. Spi hoch, Spi steht, Triiiiiiip, Halse. C H A O S. Etwas eingerostet von der Dickschiff-Spihalsen-Abstinenz über den Winter fahren wir die erste Halse, was in einer lauten Diskussion endet wer was wie hätte besser machen können. Wir fahren einfach eine zweite Halse und siehe da: Das Muscle Memory erinnert sich und es ist alles schon viel weniger schlimm. Wir kreuzen vor dem Wind und vor dem herannahenden Schlechtwetter ‘gen Hafen. Wind und Welle nehmen zu, der Spaß auch, aber da ist ja schon der Hafen… Also Spi bergen, Spi packen und Spi wegräumen. Wir nehmen uns zu dritt dem Projekt S6 einpacken an. Julia steht in der Pantry und sammelt das eine Liek ein, ich gegenüber und packe das andere. Fritz räumt mit Müh und Not die Unmengen an Tuch in den viel zu klein wirkenden Segelsack. Er muss dabei aufpassen sich nicht aus Versehen selber mit einzupacken. Auf einmal schiebt die Ag4 ganz schön Lage (wer steuert denn da?) und einige Gegenstände aus der Navi machen sich auf den Weg in die Pantry. Julia ist ganz verwirrt: „Was ist das für eine komische Kugel und wieso liegt hier eine Batterie-Abdeckung?“ Scheinbar hat sie die Wanderschaft der Maus und der Buchstaben nicht mitbekommen. Unser Plan ein „Nicht-so-ganz-schlechtes-Wetter-Fenster“ zu nutzen geht auf, um 11:50 sitzen wir dann mit Aperölchen im Cockpit der Ag4 und optimieren unser Regatta-Gewicht, während der Wind uns um die Ohren pfeift. Innerhalb der Crew entwickelt sich so eine Grundangst vor den vorhergesagten Temperaturen. Das mit dem Packen für die Nordsee müssen wir definitiv wieder neu erlernen. Also geht es für den Großteil der Crew zum nächstgelegenen Segelbekleidungsgeschäft. „Das Geld muss weg“ und wird in den Kauf von Panik-Fleece, wasserdichter Socken und selbstklebenden Klettbands investiert, denn Mäuse und Buchstaben haben in der Pantry nichts zu suchen! Später am Tag zieht Anja die ein oder anderen Crewmitglieder bei einer Partie „Scrabble“ ab. Was kann Anja eigentlich nicht?
Dienstag ist Race Day. Da die Regatta am Abend startet und durch die Nacht andauert, wird erstmal ausgiebig ausgeschlafen. Ab 6 Uhr klingeln verschiedene vergessene Wecker, gefolgt von panischem Rascheln und zufriedenem wieder einschlummern. Das Frühstück ist grandios und das Wetter genau das Gegenteil. Nach dem Frühstück kochen wir Tortellinisalat a( )l(a) Serjo für vor und basteln erstaunlich wenig am Boot. Mittags holen wir uns im Vispalais was zu happern. Ob Menschen wohl heute Nacht bereuen werden sich den Magen vor der Abfahrt mit Kibbelingen vollzuschlagen? Maybe. Auf die Mittagsrunde folgt allgemeines Power-Napping, während die Schiffer ihre Niederländisch-Kenntnisse bei der Steuerleutebesprechung unter Beweis stellen dürfen. Obacht! Anja empfiehlt uns folgendes: Entweder nur 20 Minuten Schlaf, um nicht in die Tiefschlafphase zu rutschen. Oder 90 Minuten Schlaf, um einen gesamten Schlafzyklus zu bekommen. Manche sind erfolgreicher als andere, aber um 16 Uhr sind wenigstens physisch alle zum Crew-Briefing anwesend. Es wird gebrieft und besprochen, dann wird ausgeschwärmt und das Boot seeklar gemacht. Im Hafen verbreitet sich ein herrlicher Offshore-Regatta Vibe. Wir sind umzingelt von Rennyachten, die noch eben schnell ihr Regattagroß anschlagen. Wir haben versucht nicht zu neidische Blicke rüber zu werfen. Mein Freund Sebi war leider nicht bei der Seereise dabei, kurz vor dem Ablegen hole ich also nochmal die letzten Taktik-Tipps: „Ihr seid eine mega tolle Crew und werdet das gut wuppen. Denkt immer daran: To finish first, you have to finish first. Setzt rechtzeitig vor dem Start die Genua und fahrt pünktlich zur Startlinie.“ Ich sag mal so: Just ASV-Things. Wir legen um 17 Uhr ab (das mit dem pünktlich sollte damit ja wohl klappen, Start ist um 19:30 Uhr) und lösen damit die Ablege-Kettenreaktion aus. Eine Perlenkette von Segelyachten dreht den Schlenker durch den Vorhafen während die Großsegel gesetzt werden. Hatte ich schon erwähnt, dass circa 70 Boote gemeldet hatten? Ein sehr tolles Bild, was sich da vor der Küste Scheveningens zeigt. Draußen checken wir am Startschiff ein und segeln dann Halbwind hin und her, bis die Zeit kam und wir eine Genua hätten setzen sollen. 10 Minuten später entscheiden wir uns für eine Genua, setzen eben diese und fahren zur Startlinie. Es herrscht allgemeine Verwirrung. Keiner versteht was die Holländer auf dem Startschiff ins Funkgerät nuscheln und auf die Bitte, die Startphase auf Englisch durchzuführen erklingt eine allgemeine Stille. Wenigstens die Zahlen five, four, three, two, one, MÖÖÖÖÖP sind jetzt auf Englisch. Aber die Zahlen waren wirklich nicht das Problem. Wir fahren über die Startlinie und hoffen, dass wir die Ansagen richtig interpretiert haben - von verstehen kann nicht die Rede sein. Wir kreuzen eine Seemeile zur Tonne, fallen ab und setzen den A5 für ein paar Meilen. Wow, war das geil! Es hat so viel Spaß gemacht, dass mich selbst die taktischen Zwischenkotzer nicht gestört haben. So segeln wir also in die Nacht hinein, die einen fallen müde und kalt in die Koje, während die anderen zwischen den anderen Yachten Slalom fahren und ein Boot nach dem anderen überholen. Unsere AG4 hat sich wohl gefühlt. Ich selber schlafe unten und wundere mich irgendwann, warum ich nicht geweckt werde, anderen geht es ähnlich. Ich akzeptiere mein Schicksal und drehe mich ein paar Mal um, bis ich dann doch irgendwann aufstehe. Serjo sitzt in der Navi und guckt mich traurig an „Wir fahren schon wieder nach Hause. Bugkorb müde, Bugkorb schlafen.“ Ich schaue an Deck in müde und traurige Gesichter. Auf dem Vorschiff liegt ein schlapper Spi-Baum. Es ist wirklich traurig - es lief doch so gut. Wir fahren also zurück nach Scheveningen und werden dabei wenigstens von Sonnenschein getröstet. Wir klarieren das Schiff, es wird ein Stahlbauer gesucht und gefunden - Reparatur in Aussicht, aber erst nach dem Feiertag. Wir beschäftigen uns mit den alltäglichen Tätigkeiten: Aperol-Spritz trinken, gegen Anja im Scrabble verlieren und PowerNapping. Abends fliegt die Hälfte der Crew in das ewige Mysterium „Crazy-Piano“ aus und die andere Hälfte trainiert Scrabble.
Nun bin ich schon am Ende des Seereisenberichts angekommen. Alle schwärmen in unterschiedliche Himmelsrichtungen „nach Hause“ aus und der Name unserer WhatsAppGruppe lautet nun: Vuurschepenrace und North Sea Regatta 2027.


Wer ist denn jetzt dieser Joshua, der bei dieser Regatta Ende Oktober in der Nähe von Leipzig in aller Munde ist?







