Ich möchte euch von meinem letzten Abenteuer erzählen, denn ich war bei einem Segel-Groß-Event dabei.
Da mich vermutlich nicht alle kennen: Ich bin die Huimmel. Eine sportliche Segeljolle der Bootsklasse RS800. Mein Team macht mich aber erst komplett: Steuermann Sebi und Crew Hannah. Gemeinsam erleben wir ganz schön viele Abenteuer. Von unserem letzten möchte ich nun berichten. Manchmal hat Hannah auch was zu erzählen. Das ist dann kursiv geschrieben.
Eines Donnerstags Abend kamen mich Sebi und Hannah endlich mal wieder an meinem Home Spot am Ratzeburger See besuchen. Als es gar nicht Richtung Slip-Rampe und Feierabendrunde, sondern zum Auto und Straßentrailer ging, wurde mir klar: Zeit für unser nächstes großes Abenteuer. Ziemlich schnell war ich in Persenningen auf meinem gemütlichen Straßentrailer gebettet. Die beiden wissen mittlerweile genau was zu tun ist, um mich möglichst schnell fahrtbereit zu bekommen. Auch wenn die beiden sich echt viel Mühe geben alles zu polstern und weich zu platzieren – dieses Konzept Autobahn ist einfach nicht meins! Ich will lieber aufs Wasser. Zwar kann ich auf der Autobahn so schnell düsen wie sonst nie – aber wegen der Spanngurte kann mich gar nicht frei in alle Richtungen bewegen. Zu meiner Begeisterung wurde ich schon nach nur 45 Minuten Fahrt wieder aus meinem Autobahn-Spanngurte-Elend erlöst. Nachdem ich so langsam aus meiner Transportruhe erwacht war habe ich realisiert, dass sich noch mehr meinesgleichen um mich herum befinden. Ein unbekannter Ort bedeutet immer ein neues Segelrevier – und dann auch noch andere Boote meiner Bootsklasse…. Vielversprechend!
Freitag:
Am nächsten Morgen wurde ich von einem riesigen Gewusel wach. Es werden noch mehr RS800 auf die Wiese gebracht und aus der Transportruhe geweckt. Es schwirren ganz viele Menschen um mich herum, alle stets bemüht sich um ihre RS800 zu kümmern. Am Nachmittag kommen auch endlich wieder Hannah und Sebi zu mir. Außerdem lerne ich Lena und Lars mit deren RS800 „Gleitzeit“ kennen.

Unsere Menschen gehen zur Vermessung der RS-Games. Hannah und Sebi kommen mit 4 Bleigewichten und den sogenannten Granny-Bars wieder. Mein Team ist zu leicht, daher muss ich schwerer werden. Bei denen geht das nämlich nicht so schnell, da können die noch so viel Bier trinken. Dadurch, dass die beiden so leicht sind, dürfen sie meine Racks ausfahren und erzielen damit einen größeren Hebelarm und damit ein höheres aufrichtendes Moment. Damit den schwereren Segler:innen gegenüber aber alles fair bleibt (die ja durch das höhere Gewicht schon näher am Rumpf ein höheres aufrichtendes Moment haben), muss dann mehr Gewicht auf meinem Schwerpunkt sitzen. Die schwereren Teams dürfen den Hebelarm nämlich nicht durch das Herausziehen der Racks vergrößern. Die Granny-Bars sind einerseits gleichwertig mit einem Gewicht und auch dazu da, dass die Lücke zwischen meinen Racks und meinem Rumpf nicht zu groß wird und mein Team nicht hindurch fällt. Mit dieser Regelung werden trotz OneDesign-Klasse und unterschiedlichen Crew-Gewichten sehr faire Bedingungen erzielt. Ich fühle mich jetzt startklar für den ersten RaceDay der RS800 European Championships der RS-Games im Zuge der 137. Travemünder Woche. Nur noch einmal schlafen, ich habe schon ganz schön Hummeln im Hintern.
Samstag:
Der Samstag beginnt für uns alle früh. Gegen 09:00 Uhr schüttel ich meine Oberpersenning ab. Hannah und Sebi sehen etwas nervös aus – auch ich merke die steife Brise, die meine Mastspitze erzittern lässt. Um 09:30 Uhr ist Steuerleutebesprechung, das erste Ankündigungssignal ist für 12:00 Uhr angesetzt. Das Regattafeld besteht aus 15 Booten. 10 davon stammen aus UK, eins aus Belgien, eins aus Frankreich und drei deutsche Teams. Ich bin ganz ehrlich mit euch: Die Konkurrenz ist hart. Endlich geht es los. Unsere Sliprampe war schon die erste Herausforderung: Steil und kurz, mit Wind von der Seite kombiniert mit einem sehr schmalen Anfahrtsweg. Die schnellsten und kippeligsten Boote (RS700 und RS800) wurden in Travemünde Down-Town einquartiert. Bevor wir dann den tatsächlichen Weg zur Regattabahn antreten konnten, mussten Hannah und Sebi also erstmal vor dem Wind die Trave hinauskreuzen. Mit den anderen Regattateilnehmern, Begleitbooten, Strömung, Fähren und den Traditionsschiffen mit den Touris an Bord war das ein ganz schönes Gewusel. Endlich die Mole passiert, wurde es ernst. Eine Böe nach der anderen pfeffert in meine Segel – doch noch war alles gut, böig können wir. Gemeinsam mit der Klasse der RS700 sollten wir auf der Bahn Delta starten. Die war gaaaaanz schön weit draußen. Mit jedem Meter, den wir der Regattabahn näherkommen, werden die Wellen größer. Hui, das bin ich ja gar nicht gewohnt! Go Hannah und Sebi! Mein Team kämpft, um mich möglichst effizient durch die Wellen zur Startlinie zu steuern. Der direkte Weg zur Bahn ist zu „rutschig“, da kann ich mich nicht gut halten. Ich brauche eine klare Orientierung zur Windkante und will nicht Halbwind durch die Wellen geiert werden. Aber gegen den Wind zu kreuzen wäre die ganz falsche Richtung, da bleib uns also nur eins: Abfallen, Spi hoch, HUIIII. Spi fahren, das macht mir immer am meisten Spaß, weil es da so schnell wird. Aber am ersten Race Day, da konnte ich nicht so losrennen wie sonst. Die Wellen haben mich immer wieder gestoppt und aus dem Gleichgewicht gebracht, wenn sie unter meinem Rumpf hindurchgerollt sind. Hannah und Sebi haben fleißig die Segel getrimmt und das Gewicht verlagert, damit meine Bugspitze bloß nicht in den Wellen abtaucht. An der Nase habe ich nämlich ziemlich wenig Auftrieb. Fast waren wir an unserer Regattabahn angekommen, nur noch eine Halse und ein paar Meter. In der Halse hat mich eine Welle dann einfach umgeschubst. So ein Mist! Sebi steht beim Kentern immer auf dem Schwert, damit ich meinen Mast nicht komplett nach unten ins Wasser stecke. Hannah birgt dann den Spi und übernimmt nach dem Aufrichten direkt das Ruder, damit Sebi wieder einsteigen kann. Manchmal funktioniert das beim erstem Mal leider nicht, aber dann auf jeden Fall beim zweiten Mal.
--Hannah:
Der dritte Versuch hat auch nicht geklappt, genauso wie der vierte und der fünfte. Ich kann die Huimmel in den Wellen alleine einfach nicht aufrecht halten. Zwischendrin hören wir eine Startsequenz. Das wäre unser Start gewesen, mittlerweile treiben wir gekentert neben dem Startschiff – eingecheckt sind wir damit. Frustriert fluchen wir um die Wette und wollen doch einfach nur, dass die Huimmel wieder steht. Sebi und ich tauschen die Rollen, ich richte auf, er tariert das Boot aus. Endlich stehen wir und irgendwie schaffe ich es bei den Wellen an Bord zu klettern. Uff, war das ein Kraftakt. Erleichtert drehen die Helferboote wieder ab. Wir lassen unsere Blicke über das Feld schweifen. Dauernd kippt irgendwo ein Boot um, die Ostsee brodelt und die Böen ziehen die Geldscheine aus den Segeln. Wir entscheiden uns für den Rückweg in den Hafen. Manchmal muss man einfach akzeptieren, dass man den Bedingungen nicht gewachsen ist – auch wenn es frustrierend ist. Wir müssen davon ausgehen, dass wir auf dem einstündigen Heimweg mindestens noch einmal das Boot aufrichten müssen.
--Huimmel:
Ich fühle mich schon etwas erschöpft, die Kenterung hat auch mein Material ganz schön strapaziert. Zum Glück ist nichts an mir kaputt gegangen. Ich finde die Entscheidung von Hannah und Sebi, dass wir wieder in Richtung Hafen segeln, sehr gut. In jedem Wellental zittert mein ganzes Rigg und der Rumpf klatscht auf das Wasser. Auf dem Heimweg haben wir wieder diesen „rutschigen“ Halbwindkurs. Wenn wir so segeln, habe ich zu viele Freiheitsgrade. Ein paar Mal können Hannah und Sebi das Gewicht ausgleichen. Aber die beiden schwimmen auch noch ein paar Mal um mich herum, wenn ich mich mit Umkippen und Purzelbäumen ausprobiere. Irgendwann haben wir es dann endlich wieder an Land geschafft, ein weiterer RS800 ist auch schon wieder zu Hause.

--Hannah:
„That was crazy!“, „Are you okay?!“, „Did something break?“, „These waves were insane!“ und „Did you manage to finish the race?“ waren wohl die häufigsten Fragen, die Samstags an der Sliprampe gestellt worden sind. Ich glaube an dem Samstag verzeichnen die RS700er und RS800er 3 gebrochene Ruderbeschläge, eine ausgerissene Spitrompete, einen ausgerissenen Fockschotblock, einen gerissenen Baumniederholer und verschiedene gebrochene Segellatten. Was ein Tag. Die Kirsche auf der Sahnehaube: Gleiche Wettervorhersage für Sonntag.
Sonntag:
--Huimmel:
Als am nächsten Tag alle meinesgleichen wieder mit gehissten Segeln und ihren Teams Richtung Bahn Delta aufbrechen, stehe ich an Land und vermisse mein Team. Der gestrige Tag war hart und sitzt Hannah und Sebi wortwörtlich in den Knochen. Verletzungsbedingt muss mein Team heute aussetzen. Gegen Mittag besuchen mich Hannah und Sebi aber doch noch und machen sich bereits die anderen Teams an der Sliprampe beim Anlanden zu unterstützen. Die Teams sehen alle ganz schön erledigt, aber auch zufrieden aus... Das sind doch alles Dopamin-Junkies.
Montag:
--Hannah:
Endlich wieder segeln gehen! Wir sind noch nicht 100% fit, aber Segeln heilt ja bekanntlich alle Wunden. Wer auch immer die Wettervorhersage erstellt hat, ist nur leider ein zu großer Fan von strg-c; strg-v…. Schon wieder die gleiche Wetter- und Wellenvorhersage wie die letzten zwei Tage. Nachdem am Sonntag noch ein Ruderbeschlag gebrochen ist und die Segelspuren auf den Körpern der Teams zunehmend sichtbar wurden, entschied sich das Race Comitee dazu, sich von Startverschiebung zu Startverschiebung zu hangeln. Obwohl um 15 Uhr dann AP über A gehisst wurde, bestand noch ein kleiner Funken Hoffnung heute aufs Wasser zu kommen: Das Trave Race…
--Huimmel:
Ich hatte ja schon gar nicht mehr damit gerechnet, aber um 16:15 haben mich Hannah und Sebi tatsächlich noch zum Segeln bereit gemacht. Montags durften die RS800 das sogenannte Trave Race fahren, ein kleines Show-Race in der Trave. Quasi im Vorgarten der Passat. Ich bin ja eine kleine Rampensau und sowas will ich mir auf gar keinen Fall entgehen lassen: Segeln vor Publikum! Mit Kommentator! Mit vier anderen Teams sind wir 2 sehr kurze, aber doch spannende Up- and Downs in der Trave gefahren und sind sogar einmal nicht letzter geworden! Das war ein Spaß!
Dienstag:
--Hannah:
Der Wetterprogrammierer kennt wohl doch noch andere Tasten als strg-c; strg-v! Dienstags hat er folgendes gemacht: Sonne und ….. Flaute! Wow, was haben wir für ein verrücktes Wetterfenster bekommen! Die Seglerinnen und Segler haben Bock, endlich wollen wir doch mal vernünftige Rennen fahren… Wir fordern von der Wettfahrtleitung am letzten Tag sage und schreibe 4 Läufe. Scheinbar hat die Wettfahrtleitung Mitleid mit uns – vier Läufe sind bestätigt. Also ab in den Neo und Kurs Richtung Bahn Delta. Der Wind ist schön, wir fahren einen Doppelsteher zum Startschiff. Eingecheckt, Kurs gecheckt, Spi gecheckt und schon kommt das 5 Minuten-Signal. Der Start ist gar nicht so schlecht, aber der Wind ist shifty und das halbe Feld kommt fast nicht über die Linie. Wir segeln uns frei und fahren einen schönen Lauf. Gegen die Briten haben wir eh keine Chance, aber wir segeln als erstes deutsches Team ins Ziel – endlich ein Erfolg! Schon bald wird der zweite Lauf gestartet. Der Wind nimmt ab und bleibt shifty. An der Luv-Tonne haben wir es tatsächlich geschafft auch zwei britische Teams und die beiden deutschen Teams hinter uns zu lassen. Wenn da nicht der ASV-Drang gewesen wäre, mindestens einmal eine Regattatonne aufzufädeln…. Wir fallen wieder auf den vorletzten Platz und fluchen um die Wette. Schließlich schaffen wir es doch noch wie vorher als drittletzter ins Ziel. Tja und dann… warten…. auf Wind…. bis wir von der Regattaleitung nach Hause geschickt werden….
--Huimmel:
Was ein Abenteuer, oder?! Ich bin total begeistert von der RS800 Community und dem Segelrevier Ostsee. Diese Regatta hat uns gezeigt worin wir schon ziemlich gut sind, hat uns aber auch unsere Schwächen gezeigt. Jetzt heißt es trainieren und Vorfreude auf die nächsten RS800 Championships!
--Hannah:
Unser Fazit – ganz klar – was ein Event! Diese Bootsklasse macht einfach unheimlich viel Spaß, wir können allen Jollensegler:innen den RS800 als Doppel-Trapez-Skiff an Herz legen. Das Boot ist nicht overpowered und kann damit auch von leichteren Teams gesegelt werden. Das Handling im Bereich Trimm und Aufbau ist wie bei allen RS-Booten einfach super easy. Klar gibt es Herausforderungen, aber einfach losfahren und alles perfekt können wäre doch auch langweilig. Also probiert es doch aus! 😉






Der Freitagabend vor der Seereise: 

Wer ist denn jetzt dieser Joshua, der bei dieser Regatta Ende Oktober in der Nähe von Leipzig in aller Munde ist?

